Die Geschichte von Brechtje Arendsz, Bewohnerin des „Hauses mit der Kugel“
Als ich eines Abends in meinem Alkoven lag, hörte ich meine Mutter leise weinen. Es war Juli des Jahres 1573 und es war ein Jahr voller Angst und Kriegsgefahr. Mein Vater, der Korbflechter und Hagenprediker Jan Arendsz, versuchte sie zu beruhigen, aber Mutter war nicht zu besänftigen. Sie erzählte von den vorrückenden Spaniern und wie grausam sie Haarlem bereits eingenommen hatten. Die Stadt Haarlem war ausgehungert und nach ihrer Kapitulation hatten sie 2000 Oranienanhängern mit Äxten die Köpfe eingeschlagen oder sie in der Spaarne ertränkt. Wirklich schauderhafte Geschichten! Und jetzt waren diese Bestien auf dem Weg in unsere Stadt. Welch Unheil stand uns jetzt bevor?
Schon seit Monaten rüstete sich die Stadt gegen die anrückenden Spanier. Die Feinde lagen doch schon vor Haarlem. In aller Eile mussten die Stadtwalle verstärkt werden und so half unter der Anführung des Festungsbauers Adriaen Anthonisz ein jeder kräftig mit. Sogar Kinder wie ich wurden geworben, um diese enorme Arbeit zu bewältigen. Für mich war es sehr spannend, bei dieser Arbeit helfen zu dürfen und ich war froh, der im Haus herrschenden Atmosphäre von Angst entfliehen zu können. Ein jeder versuchte möglichst große Vorräte anzulegen, um eine Belagerung überleben zu können. Eines war jedenfalls sicher: Wir würden uns nicht so einfach ergeben!
Am 23. August 1573 wurde ich schon am frühen Morgen durch viel Geschrei wach: „Sie sind gekommen, die Spanier sind hier!“ Ein Fußheer von 2500 Mann erreichte als erste Gruppe die Stadttore. Der erste Angriff wurde abgewehrt, aber in den Tagen danach wuchs das Heer von Don Frederik ständig an, bis auf mehr als zehntausend Mannschaften. Wir selbst hatten nur 800 Geusen innerhalb der Stadtmauern, um uns im Streit beizustehen. Aber auch die tapferen Bürger von Alkmaar hatten keineswegs vor, so einfach aufzugeben. Ich sah sie, wie sie durch die Stadt zogen; zum Schutz trugen sie auf dem Kopf „Kaaskoppen“ aus Holz. Von den Stadtwallen aus hielten sie mit kochendem Pech und brennenden Reisigbündeln den Feind auf Abstand.
Zwischen all diesen Männern stand eine einzige Frau, Trijn Rembrands. Sie war 16 Jahre alt, nur ein wenig älter als ich und kämpfte wie eine Löwin an der Seite der Geusen. Oh wie gerne hätte ich auch neben ihr gestanden! Wie gerne wollte ich dieses Haus verlassen, in dem ich ganze Tage lang mit Handarbeit verbrachte. Ich wollte mitkämpfen, aber natürlich würde meine ängstliche Mutter das niemals zulassen. Schlimmer noch, sie wäre in Ohnmacht gefallen, wenn ich ihr gegenüber meinen Wunsch geäußert hätte.
Sechs Wochen und 5 Tage dauerte der Kampf. Eine Zeit, die ich in unserem Haus am Appelsteeg verbracht habe, Ausschau haltend nach jeder kleinen Neuigkeit, die durchsickerte. Eines Tages hörte ich, dass unser tapferer Stadtzimmermann Maerten Pieterzoon van der Mey einige Briefe in seinem hohlen Stock versteckt hatte, und diese zum Gouverneur Diederick van Sonoy versuchte durchzuschmuggeln. Der Befehlshaber der Geusen, Jacob Cabeliau, bat in einem Brief, die Deiche rund um Alkmar zu durchstechen. Maerten hatte sich in der ersten Woche von September auf den Weg gemacht und wochenlang hatten wir nichts von ihm gehört. Wahrscheinlich war er unterwegs den Spaniern in die Arme gelaufen und hat er es nicht überlebt, der arme Maerten!
Inzwischen wurden die Kämpfe immer heftiger und die Kanonenkugeln zerstörten immer mehr Häuser. An einem Nachmittag, Anfang Oktober, saß ich gerade an meinem Spinnrad, als meine Mutter aufstand, um das Feuer anzuschüren. Plötzlich flog mit einem gewaltigen Knall eine Kanonenkugel durch die Fassade unseres Holzhauses. Als ich mich kurz darauf wieder aufraffte, sah ich mein Spinnrad komplett zertrümmert zu meinen Füßen liegen. Der Stuhl, auf dem meine Mutter gerade noch gesessen hatte, war entzwei geschlagen. Mein Vater stürzte zu uns herauf, und zu seiner großen Erleichterung waren wir alle unverletzt!
Einige Tage später, am 8. Oktober, kam mein Vater ganz aufgeregt nach Hause. Nach Drängen eines Kämpfers war er bei den Stadtwallen gewesen. Dort angekommen, konnte er kaum fassen, was er sah! Das Land rund um Alkmaar war geflutet und das spanische Heereslager stand vollständig unter Wasser. Als ich das hörte, wusste ich, dass Maerten noch am Leben sein musste. Es war ihm gelungen, den Brief an Diederick van Sonoy auszuhändigen, der dann die Deiche durchstochen hatte. Die Spanier ergriffen die Flucht und Alkmaar war die erste Stadt, die sich aus der spanischen Belagerung befreite. In Alkmaar begann der Sieg!
Noch am gleichen Tag hat mein Vater die Kanonenkugel, die in unser Haus eingeschlagen war, an der Fassade befestigt. Bis zum heutigen Tag hängt sie noch dort zur Erinnerung an unsere angstvollen Wochen der spanischen Belagerung und als Zeichen des Dankes an Gott, dass unsere Familie verschont geblieben war.
Als ich eines Abends in meinem Alkoven lag, hörte ich meine Mutter leise weinen. Es war Juli des Jahres 1573 und es war ein Jahr voller Angst und Kriegsgefahr. Mein Vater, der Korbflechter und Hagenprediker Jan Arendsz, versuchte sie zu beruhigen, aber Mutter war nicht zu besänftigen. Sie erzählte von den vorrückenden Spaniern und wie grausam sie Haarlem bereits eingenommen hatten. Die Stadt Haarlem war ausgehungert und nach ihrer Kapitulation hatten sie 2000 Oranienanhängern mit Äxten die Köpfe eingeschlagen oder sie in der Spaarne ertränkt. Wirklich schauderhafte Geschichten! Und jetzt waren diese Bestien auf dem Weg in unsere Stadt. Welch Unheil stand uns jetzt bevor?
Schon seit Monaten rüstete sich die Stadt gegen die anrückenden Spanier. Die Feinde lagen doch schon vor Haarlem. In aller Eile mussten die Stadtwalle verstärkt werden und so half unter der Anführung des Festungsbauers Adriaen Anthonisz ein jeder kräftig mit. Sogar Kinder wie ich wurden geworben, um diese enorme Arbeit zu bewältigen. Für mich war es sehr spannend, bei dieser Arbeit helfen zu dürfen und ich war froh, der im Haus herrschenden Atmosphäre von Angst entfliehen zu können. Ein jeder versuchte möglichst große Vorräte anzulegen, um eine Belagerung überleben zu können. Eines war jedenfalls sicher: Wir würden uns nicht so einfach ergeben!
Am 23. August 1573 wurde ich schon am frühen Morgen durch viel Geschrei wach: „Sie sind gekommen, die Spanier sind hier!“ Ein Fußheer von 2500 Mann erreichte als erste Gruppe die Stadttore. Der erste Angriff wurde abgewehrt, aber in den Tagen danach wuchs das Heer von Don Frederik ständig an, bis auf mehr als zehntausend Mannschaften. Wir selbst hatten nur 800 Geusen innerhalb der Stadtmauern, um uns im Streit beizustehen. Aber auch die tapferen Bürger von Alkmaar hatten keineswegs vor, so einfach aufzugeben. Ich sah sie, wie sie durch die Stadt zogen; zum Schutz trugen sie auf dem Kopf „Kaaskoppen“ aus Holz. Von den Stadtwallen aus hielten sie mit kochendem Pech und brennenden Reisigbündeln den Feind auf Abstand.
Zwischen all diesen Männern stand eine einzige Frau, Trijn Rembrands. Sie war 16 Jahre alt, nur ein wenig älter als ich und kämpfte wie eine Löwin an der Seite der Geusen. Oh wie gerne hätte ich auch neben ihr gestanden! Wie gerne wollte ich dieses Haus verlassen, in dem ich ganze Tage lang mit Handarbeit verbrachte. Ich wollte mitkämpfen, aber natürlich würde meine ängstliche Mutter das niemals zulassen. Schlimmer noch, sie wäre in Ohnmacht gefallen, wenn ich ihr gegenüber meinen Wunsch geäußert hätte.
Sechs Wochen und 5 Tage dauerte der Kampf. Eine Zeit, die ich in unserem Haus am Appelsteeg verbracht habe, Ausschau haltend nach jeder kleinen Neuigkeit, die durchsickerte. Eines Tages hörte ich, dass unser tapferer Stadtzimmermann Maerten Pieterzoon van der Mey einige Briefe in seinem hohlen Stock versteckt hatte, und diese zum Gouverneur Diederick van Sonoy versuchte durchzuschmuggeln. Der Befehlshaber der Geusen, Jacob Cabeliau, bat in einem Brief, die Deiche rund um Alkmar zu durchstechen. Maerten hatte sich in der ersten Woche von September auf den Weg gemacht und wochenlang hatten wir nichts von ihm gehört. Wahrscheinlich war er unterwegs den Spaniern in die Arme gelaufen und hat er es nicht überlebt, der arme Maerten!
Inzwischen wurden die Kämpfe immer heftiger und die Kanonenkugeln zerstörten immer mehr Häuser. An einem Nachmittag, Anfang Oktober, saß ich gerade an meinem Spinnrad, als meine Mutter aufstand, um das Feuer anzuschüren. Plötzlich flog mit einem gewaltigen Knall eine Kanonenkugel durch die Fassade unseres Holzhauses. Als ich mich kurz darauf wieder aufraffte, sah ich mein Spinnrad komplett zertrümmert zu meinen Füßen liegen. Der Stuhl, auf dem meine Mutter gerade noch gesessen hatte, war entzwei geschlagen. Mein Vater stürzte zu uns herauf, und zu seiner großen Erleichterung waren wir alle unverletzt!
Einige Tage später, am 8. Oktober, kam mein Vater ganz aufgeregt nach Hause. Nach Drängen eines Kämpfers war er bei den Stadtwallen gewesen. Dort angekommen, konnte er kaum fassen, was er sah! Das Land rund um Alkmaar war geflutet und das spanische Heereslager stand vollständig unter Wasser. Als ich das hörte, wusste ich, dass Maerten noch am Leben sein musste. Es war ihm gelungen, den Brief an Diederick van Sonoy auszuhändigen, der dann die Deiche durchstochen hatte. Die Spanier ergriffen die Flucht und Alkmaar war die erste Stadt, die sich aus der spanischen Belagerung befreite. In Alkmaar begann der Sieg!
Noch am gleichen Tag hat mein Vater die Kanonenkugel, die in unser Haus eingeschlagen war, an der Fassade befestigt. Bis zum heutigen Tag hängt sie noch dort zur Erinnerung an unsere angstvollen Wochen der spanischen Belagerung und als Zeichen des Dankes an Gott, dass unsere Familie verschont geblieben war.









