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Die Geschichte von Martha van Oostrom, „Saalmutter“ im Heiligengeisthaus (= das Waage-Gebäude)

Mein Name ist Martha von Oostrom. In früheren Zeiten war ich „Saalmutter“ im Heiligengeisthaus. Als Saalmutter war ich für die Pflege der Kranken und Schwachsinnigen im Heiligengeisthaus verantwortlich. Das Gebäude hat keine Geheimnisse mehr vor mir, ich kenne jeden Winkel und jede Höhle. Auch jetzt noch, wo ich das Zeitliche gesegnet habe, bleibe ich mit dem Waage-Gebäude verbunden und mein Geist schwebt noch immer durch dieses prachtvolle Haus.

Aus der Überlieferung weiß ich, dass das Gebäude aus zirka 1390 stammt. Damals war es eine Heiligengeistkapelle. Im nahegelegenen Heiligengeisthaus konnten arme Reisende maximal drei Nächte bleiben. Genau wie in meiner Zeit wurden damals auch Kranke gepflegt.

Als ich am frühen Morgen meine Runde bei den Kranken machte, hörte ich jeden Morgen dasselbe: Geächze, ein Jammern, Röcheln und Husten. Ich hatte mich daran gewöhnt. Sogar den aufdringlichen Gestank von Exkrementen, Urin, stinkenden Wunden und Schmutz roch ich nicht mehr. Drinnen war es immer dunkel. In der äußersten Ecke schrie Matthäus, unser Saalnarr. Der Wundarzt hatte versucht, ihn von der Stimme des Teufels zu erlösen, die er Tag und Nacht in seinem Kopf hörte. Er hatte ein Loch in seinen Schädel gebohrt, um so die teuflische Stimme entweichen zu lassen. Ich beauftragte eine der Saalmädchen, die Wund neu zu verbinden.

Im Jahr 1566 hatte der Bischof von Haarlem seine Zustimmung erteilt, um vom Heiligengeisthaus ein Waage-Gebäude zu machen und nach der spanischen Belagerung, in der wir uns so tapfer geschlagen hatten, wurde das Waage-Gebäude wegen des erwiesenen Mutes sogar der Stadt geschenkt.

Viele Verwundete aus dem Kampf gegen die Spanier wurden hierher gebracht. Während des sieben Wochen dauernden Kampfes, vom 23. August bis 8. Oktober 1573, habe ich fast ohne zu ruhen gearbeitet. Es war ja im Interesse eines jeden, dass die verwundeten Kämpfer und Bürger so schnell wie möglich wieder auf die Beine kamen. Abgerissene Gliedmaßen und Knochenbrüche durch einen Fall von den Festungsmauern kamen am Häufigsten vor. Alkmaar musste viel ertragen, ging aber letzten Endes als Sieger aus dem Kampf hervor!

Der Umbau zum Waage-Gebäude war im Jahr 1582 endlich vollendet. Die der Wasserseite zugewandte Hauptfassade ist wirklich prachtvoll geworden. Der angebrachte Spruch S.P.Q.A. Restituit Virtus Ablatae Jura Bilancis erinnert an den Kampf gegen die so gehassten Spanier und bedeutet: „Tapferkeit gaben dem Senat und Volk von Alkmaar das entzogene Wiegerecht wieder.“ Dieses Wiegerecht hat Alkmaar viel Glück gebracht.

Selbst konnte ich das leider nicht mehr miterleben. Wie viele andere fiel auch ich der Pestepidemie zum Opfer. Als ich eines Abends mit Fieber und einigen Beulen nach Hause kam, wusste ich, was ich zu tun hatte. Wie es die Pflicht eines Pestkranken war, band ich einen Buschen Heu an meine Tür, damit deutlich zu sehen war, dass ich am „schwarzen Tod“ erkrankt war. Dann ging ich nur nach fünf Uhr abends auf die Straße, mit einem weißen Stock in der Hand, den ich ausgestreckt vor meinen Körper halten musste, damit die Leute mir aus dem Weg gehen konnten. Ich, die so viele Kranke gepflegt hatte, starb einen einsamen Tod und wurde auf einem unbekannten Friedhof außerhalb der Stadt begraben. Mein Geist hat das Waage-Gebäude jedoch nie verlassen.

Ich war also auch dabei, als in 1622 der erste Käsemarkt abgehalten worden ist. Der Waagplatz, wo heutzutage der Käsemarkt noch immer abgehalten wird, ist nicht immer so groß gewesen wie jetzt. Von Zeit zu Zeit wurden Häuser abgerissen, um mehr Platz für den Käsemarkt zu bekommen und so wurde der Platz in einem Zeitabschnitt von zweihundert Jahren gleich acht Mal vergrößert.

Ich war dabei, als die lateinischen Sprüche unter dem Zifferblatt der Uhr angebracht wurden. Es stehen weise Sprüche drauf, die ungefähr bedeuten: „Lebe eingedenk des Todes, die Stunde entflieht!“ und „Halte einzelne Stunden für einzelne Leben.“ Ich sah auch, wie der Käsemarkt in all den Jahren wuchs und wuchs. Heutzutage wird er ab dem ersten Freitag im April bis einschließlich zum ersten Freitag im September von zehn bis halbeins abgehalten und es kommen jährlich sage und schreibe 100.000 Besucher aus der ganzen Welt! Ich bin noch immer an jedem Markttag dabei, von meinem Platz im Turm aus werde ich auch in Zukunft über den Platz und das Waag-Gebäude, das mir so lieb ist, wachen.